Stapelstein

Stephan Schenk und Hannah König sorgen mit ihren bunten Stapelsteinen für mehr Bewegung im freien Spiel von Kindern. Im Interview erklären sie, was der Kunststoff, aus dem die Steine sind, mit Nachhaltigkeit zu tun hat und, dass Innovationskraft einen kritischen Blick und Verantwortungsbewusstsein braucht.

Stephan, du bist Produktdesigner und hast die Stapelsteine entwickelt. Welcher Mehrwert steckt in euren Produkten?

Stephan: Unsere Kultur zeichnet sich durch einen starken Bewegungsmangel aus. Egal, ob zu Hause oder in den Bildungsinstitutionen, haben vor allem Kinder zu wenig Bewegungszeit oder Bewegungsfreiraum. Das liegt zum einen an den Strukturen, die dort herrschen, zum anderen aber auch an einem großen Mangel an Objekten, die zum freien Spiel und Bewegung inspirieren. Meist geht es bei Spielsachen um Konsumgüter, die schon ein fertiges Konzept von einem bestimmten Spiel vorgeben. Wir verfolgen einen anderen Ansatz und wollen vielmehr das intuitive Spiel fördern. Da spielt auch zu großen Teilen unsere eigene Erfahrung mit rein, wir sind ja selbst alle durch dieses Schulsystem gegangen. Ich habe mich damals sehr eingeschränkt gefühlt, wenn es darum ging meinen Bewegungsdrang ausleben zu können. In meinem direkten familiären Umfeld gibt es auch viele Lehrer und Pädagogen, die ebenfalls mit diesem Problem konfrontiert sind. Mir ist es als Produktgestalter wichtig, in diesem Bereich eine Verbesserung zu schaffen.

In der Pandemie waren viele Kinder zu Hause. Das hat den Bewegungsmangel nochmals verstärkt.

Stephan: Ja, sehr. Hier brauchte es flinke Lösungen für begrenzten Raum, die dennoch dem Bedürfnis der Kinder gerecht werden. Zum anderen gibt es sehr viele Studien, die belegen, dass Bewegungsmangel zu Folgeerkrankungen führen kann.

Wie haben die Stapelsteine Form angenommen?

Stephan: Ich habe in Schulen und Kitas hospitiert. Zunächst habe ich mich einfach in die Klasse gesetzt und den Alltag beobachtet: Wie viel Bewegungsfreiheit den Kindern gegeben wird und was die Einschränkungen zur Folge haben. Mir ist dabei aufgefallen, dass ein ständiger Kampf entgegen der Bewegung stattfindet: die Kinder sollen starr auf Stühlen sitzen und wenn doch Bewegung aufkommt, entsteht durch die vorhandenen Möbel schnell eine Geräuschkulisse, die als Störfaktor aufgefasst und unterbunden wird. Auf diesen Beobachtungen aufbauend ging das Projekt in eine Findungsphase über, welche Formen oder Reize Kinder überhaupt zur Bewegung motivieren. Ein Leitsatz ist dabei gewesen: Bewegte Objekte bringen Kinder in Bewegung.

Hannah: Das Produkt ist für Kinder gedacht. Wichtige Zielgruppen sind aber auch die Eltern und Pädagogen, deren Bedürfnisse ebenso relevant waren in der Entwicklung: das Produkt sollte leicht zu reinigen und leise sein und wenig Platz einnehmen. Es war sehr spannend und inspirieren all diese unterschiedlichen Perspektiven in ein Objekt einfließen zu lassen.

Stephan: All diese Erkenntnisse haben schließlich die Gestaltung der Prototypen bestimmt: die runde, bewegungsfreundliche, harmonische Form, die Wellenkanten, die es ermöglichen, die Steine wechselseitig aufeinander zu stapeln, sodass sie nicht verrutschen, die konvexe Form, die einlädt zu kullern oder etwas hineinzuwerfen, die ergonomische Größe, die so gewählt wurde, dass sowohl die Kleinstein aber auch größere Kinder damit spielen können, das leichte Gewicht, die hohe Stabilität und einfache Reinigbarkeit durch den Kunststoff EPP.

Ihr lasst zu 100% in Deutschland fertigen. Aber ist Kunststoff ein nachhaltiges Material?

Stephan: Wir hatten zwischendurch auch Entwürfe auf dem Tisch, die sehr komplex waren - wenn ein Produkt aber in der Herstellung schon komplex ist und aus verschiedenen Materialien zusammengesetzt ist, dann ist der Recyclingprozess auch aufwändig. Außerdem bedeutet ein komplexes Produkt nicht, dass das Ergebnis, also bei uns das freie Spiel, dadurch besser wird. Da sollte man sehr kritisch sein. Wir sind am Ende bei einem Monomaterial Design und wenigen Produktionsschritten gelandet. Das Volumen eines Stapelsteins besteht aus 96% Luft, was bedeutet, dass wir mit einem ganz geringen Materialanteil von nur 4% einen sehr großen Effekt erzielen.

Hannah: Dennoch kämpfen wir nach wie vor gegen die Wahrnehmung an: „Plastik ist böse und Holz ist nachhaltig.“ Je mehr sich Menschen aber mit Nachhaltigkeit beschäftigen, desto differenzierter wird ihr Blick und sie merken, dass es durchaus nachhaltig ist, ein Produkt aus Kunststoff zu kaufen, das aber ein Leben lang hält, dadurch eine unglaublich lange Nutzungszeit besitzt und am Ende des Produktlebenszyklus einfach zu recyceln ist. Was das betrifft, versuchen wir auch ganz viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

Hannah, du bist für die Kommunikation verantwortlich. Welche Rolle spielt diese für für euer Business?

Hannah: Der E-Commerce und Social Media sind ganz wichtige Kanäle für uns, da wir hier sehr viel direktes Feedback von unseren Kunden bekommen, um unser Produkt weiter zu verbessern. Das schöne ist auch, dass sich dadurch eine richtige Community gebildet hat und sich auch Kunden, die schon vor einigen Jahren die Stapelsteine gekauft haben, immer wieder melden und von neuen Spielideen berichten. Außerdem benutzen wir die Stapelsteine selbst. Es ist sehr wichtig, dass man das Produkt auch selbst im Alltag integriert, denn nur so merkt man auch wie es sich im Gebrauch anfühlt.

Stephan: Wenn man eine innovative Idee hat, ist es sehr viel Wert, wenn man mit den Menschen spricht, die eine große Erfahrung in genau diesem Bereich haben und diese teilen. Die Qualität des persönlichen Austauschs ist sehr viel wertvoller als eine Erhebung oder Befragung, die man an der Oberfläche führt. Das würde ich jedem in der Produktentwicklung empfehlen.

Die Stapelsteine sind seit einger Zeit auf dem Markt und sehr erfolgreich. Habt ihr bereits neue Produktideen?

Hannah: Wir merken schon eine Erwartungshaltung von außen, was die Produktentwicklung angeht. Wir stehen aber ganz klar dahinter, dass wir nur ein Produkt haben, das aber sehr vielfältig ist. Da steckt aber nicht mangelnde Innovationskraft dahinter, sondern ein nachhaltiger Konsumgedanke: Lieber ein Produkt mit vielen Facetten, als viele Produkte, die nur einseitig nutzbar sind.

Stephan: Es liegt auch nahe, dass der analoge Stapelstein auch in der digitalen Welt via Augmented und Virtual Reality zum Leben erweckt werden kann. Oder andersrum: Dass die Stapelsteine digital aufgebaut und in der analogen Welt bespielt werden. Hier forschen wir gerade mit dem Medienpädagogen Daniel Autenrieth daran, wie man das sinnvoll miteinander verknüpfen kann. Wir sind dabei aber unser härtester Kritiker, wenn es darum geht, welche Ideen wir in diese ohnehin schon sehr komplexe Welt hineintragen wollen.

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