Juian Specht & Barbara Stegmann - living brain

Julian Specht und Barbara Stegmann haben das Medtech-Startup living brain in Heidelberg gegründet. Ihre Mission: individuelle Rehabilitation für den Kopf. Dafür haben die beiden mit ihrem Team die VR-Anwendung teora mind entwickelt, die die Alltagskompetenz von Patient*innen mit kognitiven Beeinträchtigungen trainiert. 

Julian und Barbara, ihr habt living brain gemeinsam gegründet - welchen Need habt ihr erkannt und wie darauf reagiert?

Barbara: Ich bin ursprünglich für mein Psychologiestudium nach Heidelberg gekommen. Ich wusste schon immer, dass ich mich selbstständig machen möchte - nur nicht genau mit was. Als ich Julian über ein gemeinsames Studienprojekt kennengelernt habe, hat unsere Gründungsidee, die auch mit Julians persönlicher Geschichte zusammenhängt, recht schnell Form angenommen. 

Julian: Ich wurde 2015 am Gehirn operiert, da ich seit meiner Kindheit an Epilepsie gelitten habe. Die OP war sehr riskant und ich wollte mich vorab darüber informieren, was ich tun kann, um die möglichen kognitiven Einbußen nach einem solchen Eingriff zu therapieren. Leider sind die Möglichkeiten sehr begrenzt und sehr veraltet. Im Grunde gäbe es kaum Therapiemöglichkeiten auf diesem Gebiet, vor allem nicht für junge Leute. Man könne mit Stift und Papier arbeiten, gegebenenfalls auch Übungen am PC machen, aber die helfen eigentlich nicht, Patienten auf den Alltag vorzubereiten, war der hoffnungslose O-Ton der Ärzte. Ich dachte mir, das kann doch nicht sein, dass auf einem Hightech-Niveau operiert wird und wenn es um die Reha geht, nutzen wir Methoden, die aus den 50er Jahren sind? Zum Glück ist bei meiner OP alles gut gelaufen, das Thema mit den mangelnden Therapiemöglichkeiten für Menschen mit neurologischen Erkrankungen hat mich aber nicht losgelassen. 

Wie seid ihr, beide Psychologen, darauf gekommen, dass die Lösung für das Problem eine Virtual Reality Lösung sein könnte?

Barbara: Wir haben uns zu allererst die Frage gestellt, warum glauben Ärzte nicht an die Therapiemethoden, die es aktuell gibt, wo ist das Problem? Wir haben herausgefunden, dass der Transfer der bestehenden Übungseinheiten in den Alltag nicht funktioniert. Beispielsweise ist das Gehirn nicht in der Lage, die erlernten Wege von einem Labyrinth, gezeichnet auf Papier, auf den Orientierungssinn im echten Supermarkt zu übertragen. Anders gesagt: wenn man möchte, dass jemand schwimmen lernt, reicht es nicht, der Person ein Handbuch zu geben oder Trockenübungen zu machen. Die Person muss in der richtigen Umgebung trainieren. Da Therapie nicht immer in echten Umgebungen stattfinden kann, haben wir also beschlossen, Handlungs-Settings, die für den Alltag relevant sind, möglichst realitätsnah in VR abzubilden, damit die Patient*innen möglichst schnell und gut zurück ins Leben finden können. 

Das heißt, es geht um eine bessere Transferleistung zwischen Therapie und Lebensrealität der Patient*innen - und um die Verbesserung des Gesundheitssystems?

Barbara: Genau! Wir haben einen relevanten Systemfehler in der Behandlung gefunden, den wir beheben wollen: In der Regel ist es so, dass nachdem ein Patient mit neurologischen Einschränkungen oder Erkrankungen aus dem Krankenhaus entlassen wird, bis zu sechs Monate gar nichts passiert, bis die Nachsorge beginnt. Das ist fatal, denn es gibt eine Critical Period, also einen Zeitraum, in dem das Gehirn gut in der Lage ist, verloren gegangene Funktionen zu kompensieren - und das sind ca. 6 Monate. Das heißt, es ist dringend notwendig, dass Therapien in dieser Phase stattfinden und nicht erst im Anschluss. Obwohl diese Problematik wissenschaftlich erwiesen und bekannt ist, gibt es keine Therapiemethode, die mobil und einfach - und damit zeitnah - anzuwenden ist. Viele Patient*innen müssen viel zu lange auf einen Rehaplatz warten. Unsere Mission ist es, diese Versorgungslücke zu schließen, damit Patient*innen bestmögliche Heilungschancen haben. Man muss auch sehen, das aktuelle System ist nicht nur fatal für einzelne Schicksale, sondern auch wirtschaftlich katastrophal: wie viel Geld wird in Reha-Maßnahmen gesteckt, die viel zu spät greifen und damit teuer, aber medizinisch nicht effektiv sind?

Wie entwickelt und evaluiert ihr eure Anwendung?

Julian: Uns ist es sehr wichtig, ein Medizinprodukt auf den Markt zu bringen, von dem wir genau wissen, dass es für die Patient*innen einen echten Mehrwert hat. Wir haben unser Evaluationskonzept zweistufig aufgebaut. Gerade haben wir die Ergebnisse der ersten Studie in einem Paper veröffentlicht. Hier konnten wir beweisen, dass die Akzeptanz von VR-Anwendungen bei Schlaganfallpatienten gegeben ist, was eine wichtige Voraussetzung für jede Therapiemethode ist. Derzeit läuft eine weitere Studie, in der wir die bisherige Standardbehandlung am PC mit unserem Produkt vergleichen, um herauszufinden, wie gut der kognitive Status der Patienten nach beiden Anwendungsmethoden ist. Die wissenschaftliche Evidenz ist sehr wichtig für uns. Wir wollen Patienten sagen können, dass was sie nutzen, echten Mehrwert hat. Hier arbeiten wir mit Reha-Kliniken zusammen, in denen Patienten mit neurologischen Erkrankungen behandelt werden. Außerdem haben wir die Prototypen und die Beta-Version bisher immer gemeinsam mit Patient*innen, Therapeut*innen und Ärzt*innen entwickelt, getestet und verbessert und so wertvolles Feedback einfließen lassen können.

Barbara: Ergonomie, Barrierefreiheit und Usability spielen bei Reha-Anwendungen auch eine ganz wichtige Rolle. Unser Produkt kann man auch im Liegen oder Sitzen und mit nur einer Hand ausführen, denn nicht selten sind Patient*innen mit neurologischen Erkrankungen halbseitig gelähmt, bspw. nach einem Schlaganfall. Kognitive Einschränkungen, seien es Haupt- oder Begleitsymptomatiken, betreffen sehr viele Menschen. Es ist daher auch wichtig dazu zu sagen, dass unser Produkt nicht nur für die Therapie eines Krankheitsbilds einzusetzen ist, sondern für viele in Frage kommen kann, bspw. auch begleitend für chronische Erkrankungen wie Epilepsie, MS oder Parkinson.

Was unterscheidet eure VR-Anwendung von anderen virtuellen Welten - worin liegt konkret der therapeutische Ansatz?

Barbara: Unsere Anwendung ist mehr als ein reiner Job- oder Supermarkt-Simulator. Bei uns lassen sich die Schwierigkeitsgrade individuell anpassen. Außerdem haben wir psychologische Lernstrategien eingebaut. Wir evaluieren auch, wie oft und in welchen Situationen jemand eine Hilfe in Anspruch nimmt. Das geht von Gedächtnisübungen, Trainings zur Handlungsplanung bis hin zu Aufmerksamkeitsübungen. Diese Verknüpfung der Technologie mit therapeutischen Methoden macht den Unterschied. Ich denke, wir erleben gerade einen Wandel, dass Medizinprodukte auch Spaß machen dürfen. Unser Head of Development, Till Ikemann, ist ursprünglich Games Entwickler. Gamification ist ein enorm wertvoller Ansatz, Menschen in einen Modus zu bringen, in dem sie etwas gerne tun und dafür belohnt werden, wenn sie etwas gut machen - und das wiederum ist ein psychologischer Aspekt, der für Rehabilitation und Heilung sehr wichtig ist. 

Welches Ziel verfolgt ihr langfristig?

Julian: Unser Ziel ist, es, die Rehabilitation für den Kopf vollständig zu personalisieren, um eine Reha anzubieten, die auf die individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse der Patient*innen zugeschnitten ist. Wir möchten also quasi die Superkräfte des Gehirns, nach einer Verletzung zu regenerieren, nutzbar machen. Die Entwicklung eines solchen Produktes ist auch nie abgeschlossen, wenn wir es stets intuitiver und intelligenter gestalten wollen. Wir tracken dabei nur die Daten, die für die Optimierung der Anwendung relevant sind. Dabei ist eines ganz wichtig: wir wollen die veralteten Therapiemethoden ersetzen und nicht die Therapeuten. Und teora mind ist hierbei für uns nur der Anfang.

Das Interview führte Rebecca Raab

 living brain