Barbara Kiolbassa - ZKM

Wie nachhaltig ist die Arbeit von Museen? Die Ausstellung Critical Zones am ZKM Karlsruhe setzt sich mit dem “neuen Klimaregime”, wie es der Philosoph und Kurator Bruno Latour nennt, in der Stadt auseinander. Barbara Kiolbassa ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZKM und erklärt, warum Nachhaltigkeit nicht nur ein inhaltliches Thema der kuratorischen Arbeit ist, sondern auch innovative digitale Konzepte in der Kunstvermittlung benötigt werden - nicht nur in Zeiten von Corona.  

Barbara, du arbeitest in der Abteilung Museumskommunikation, hier geht es um Kunstvermittlung und nicht um Marketing. Warum ist das wichtig zu wissen?

Kunstvermittlung ist für das Verständnis unserer Museumsarbeit ganz wichtig. Neben der Abteilung Kommunikation und Marketing geht es bei uns in der Museumskommunikation um die Herstellung von Dialogsituationen zwischen allen an Ausstellungen Beteiligten, also Künstler*innen, Kurator*innen und Besucher*innen. Unsere Aufgabe ist es dabei, die vielfältigen Themen, Inhalte, Ausstellungen und Forschungsschwerpunkte des ZKM an ein möglichst breites Publikum heranzutragen, aber genauso auch möglichst viele Stimmen der Besucher*innen in das Haus zu bringen. Ich arbeite zum Beispiel viel mit lokalen Initiativen, Vereinen und Organisationen in Karlsruhe zusammen, um deren Expertisen ins ZKM zu holen und eine Plattform für lokal verankertes Wissen herzustellen.

Stichwort Partizipation: wie gelingt eine nachhaltige Teilhabe an der Museumspraxis?

Hier kommen wir auf die unterschiedlichen Bedeutungen des Begriffs nachhaltig. In erster Linie beschreibt “nachhaltig” etwas, das lange dauert, bevor man dann den Begriff grün  deuten möchte. Eine nachhaltige Partizipation bedeutet demnach also erstmal, dass man lang anhaltende Beziehungen und Verbindungen über die Museumswände hinaus mit der Stadt pflegt. Beispielsweise haben wir eine ganz tolle Kooperation mit dem OK Lab, einem lokalen Verein, der sich für offene Daten einsetzt. Die Zusammenarbeit hat während der Ausstellung Open Codes, die von 2017 bis 2019 bei uns zu sehen war, begonnen und dauert bis heute an. Das heißt, wir versuchen solche Verbindungen nicht nur projektbezogen herzustellen, sondern idealerweise langfristig zu etablieren. 

Wie erweitert sich der Nachhaltigkeitsbegriff, wenn es um ökologische Aspekte geht?

Die Frage, wie man als Museum mit seinen Ressourcen und der Klimakrise umgeht, beschäftigt natürlich auch uns. Hierzu haben wir gerade die Ausstellung Critical Zones - Horizonte einer neuen Erdpolitik am Haus. Die Ausstellung wurde gemeinsam mit dem Philosophen und Soziologen Bruno Latour kuratiert, der sich dafür interessiert, wie Wissenschaftler*innen Wissen schaffen und dieses Wissen die Gesellschaft prägt. Seine Arbeit ist im Wesentlichen der Versuch einer Repositionierung mit dem Ziel, die Mensch-Natur Beziehung ganz anders zu verstehen als bisher. Mit Bezug auf die Ausstellung Critical Zones bedeutet dies zum Beispiel: was bedeutet der Klimawandel für Karlsruhe und welches Wissen gibt es in Karlsruhe zu dem Thema der kritischen Zone? Im Rahmen der Ausstellungsplanung haben wir dann einige Vereine und Organisationen wie den Schwarzwaldverein, das Naturschutzzentrum Rappenwört oder KonsumGlobal e.V. angesprochen und Veranstaltungen organisiert. Mit dem NABU ist zum Beispiel ein Film entstanden, der Teil der Ausstellung geworden ist. Und auch das OK Lab ist wieder beteiligt: Das Lab hat Sensoren in Bäumen auf einer Streuobstwiese, vor dem ZKM und im Ausstellungsraum installiert, die Daten über das Mikroklima an unterschiedlichen Orten der Stadt sammeln und sichtbar machen. All diese Beiträge stehen in meinen Augen für nachhaltige Partizipation. 

Und wie schafft man es, die Bürger*innen durch Partizipation einzubinden?

Hier ist es wichtig, dass man möglichst viele Zugänge schafft. Wir sprechen hier nicht von einem Begleitprogramm, sondern von einem Aktivierungsprogramm, das Teil des Ausstellungsformats selbst ist - zum Beispiel über integrierte Veranstaltungen und Workshops, die mitten in der Ausstellung stattfinden. Durch die Synergien mit lokalen Vereinen und Organisationen erreichen wir ein ganz breites Publikum. Viele, die bei einer Wanderung des Schwarzwaldvereins mitlaufen würden, waren vielleicht noch nie im ZKM - und umgekehrt. Wenn wir jetzt gemeinsam mit dem Schwarzwaldverein, im Rahmen der Ausstellung, einen Stadtspaziergang anbieten, dann können alle von allein Seiten etwas lernen. Wichtig ist dabei auch, dass diese Angebote möglichst niedrigschwellig sind. So können wir durch eine Förderung des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg die Teilnahme an solchen Angeboten des Aktivierungsprogramms kostenlos anbieten. 

Worum geht es im Kern bei der Ausstellung Critical Zones?

Die lokale Verankerung ist hier sehr wichtig. Die Ausstellung dreht sich um die Fragen, wo lebe ich, wovon hänge ich ab, was macht mein Leben und mein Wohlstand eigentlich möglich und wie ist in unserem Fall Karlsruhe als Lebensraum und Zuhause von der jetzigen kritischen Situation unserer Erde betroffen? Wenn man von Klimakrise spricht, kann man damit meist erstmal gar nichts anfangen, man ist gelähmt, da man die Konzequenzen aus den Medien kennt, selbst aber erstmal gar nicht weiß, was man tun kann, weil der persönliche Bezug fehlt. Man sieht dramatische Bilder wie den Anstieg des Meeresspiegels - hier in Karlsruhe haben wir aber kein Meer. Die Klimakrise greifbar zu machen, ist also eine ganz große Herausforderung. Hier Zusammenhänge im Kleinen, sichtbar zu machen, das versucht die Ausstellung - in Bruno Latours Worten ist sie eine Einladung, “terrestrisch zu werden”. Da kann es beispielsweise helfen, eine Wanderung mit dem Naturschutzzentrum Rappenwörth durch die Auenwälder am Rhein zu machen.

Wie schafft ihr es, neben diesen analogen Angeboten, als Medienmuseum Nachhaltigkeit auch digital umzusetzen?

Man muss dazu sagen, dass das gesamte Projekt Critical Zones mitten im Lockdown begonnen hat und wir die Ausstellung und das Aktivierungsprogramm nicht so umsetzen konnten, wie wir es geplant hatten. Wir haben zunächst alle Formate, die analog geplant waren, als digitale Formate neu gedacht - und es damit sogar geschafft, neben dem hyperlokalen Publikum in Karlsruhe, ein internationales Publikum zu erreichen. Menschen aus vielen anderen Ländern, die noch nie vom ZKM gehört hatten, waren auf einmal Teil unserer Angebote. Der Grund: die Klimakrise, betrifft uns global. Neue Perspektiven auf ein sehr komplexes Thema zu werfen und neue Ansätze aufzuzeigen, das spricht die Menschen überall an.

Wie habt ihr es geschafft, die Ausstellung in ein digitales Format zu bringen?

Wir haben sehr schnell reagiert. Was die Konzeption des Ausstellungsformats betrifft, haben wir uns mit der Agentur für kranke Medien und dem Designbüro Operative Space, beide in Berlin, zusammengesetzt und uns gefragt, wie können wir eine digitale Ausstellung schaffen, die sich komplett online abspielt? Das Besondere an diesem Prozess war, dass wir von Anfang an mit einem Team aus allen Abteilungen des ZKM zusammengearbeitet haben. Die Herausforderung bestand darin, eine auf allen Devices funktionierende Lösung zu finden,, damit alle Interessierten an dieser Ausstellung teilhaben können, denn nicht jeder hat nunmal das neueste Smartphone. Wir haben uns also ganz schnell von komplexen 3D Räumen verabschiedet. Stattdessen haben wir eine Umgebung gewählt, die auf Tags basiert. Das heißt, alle Kunstwerke sind über Taggings miteinander vernetzt, sodass es keine vorgeschriebene lineare Abfolge durch die Ausstellung gibt, sondern eine assoziative Entdeckungsreise möglich ist. Diese digitale Form der Ausstellung gibt es immer noch, obwohl wir inzwischen Critical Zones auch hier im Haus eröffnen konnten. Beide Ausstellungen sind dabei aber völlig gleichwertig und bereichern sich gegenseitig.

Das Interview führte Rebecca Raab

ZKM-Critical Zones